58 Prozent Ökostrom: Was der Rekord für Unternehmen im Norden bedeutet

Das erste Halbjahr 2026 hat einen neuen Rekord gesetzt: Erneuerbare Energien deckten 58 Prozent des deutschen Stromverbrauchs, drei Prozentpunkte mehr als im Vorjahreszeitraum. Für Ralf-Henry Focken, Inhaber von RHF-Energiekontor in Wiesmoor, sind solche Zahlen tägliches Handwerkszeug. Der Energiemakler berät Gewerbe- und Industriekunden in Niedersachsen und kennt den Markt seit über 16 Jahren aus der Praxis. Im Gespräch ordnet er die aktuellen Zahlen ein und erklärt, was der Ausbau der Erneuerbaren für Unternehmen im Norden konkret bedeutet.

Rekord im ersten Halbjahr

Herr Focken, das Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung ZSW und der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft BDEW haben gerade neue Zahlen veröffentlicht. 58 Prozent des Stromverbrauchs aus Erneuerbaren im ersten Halbjahr 2026, ein neuer Rekord. Überrascht Sie das?

Ehrlich gesagt nicht. Die Richtung war klar, der Ausbau läuft. Was mich eher überrascht, ist das Tempo beim Offshore-Wind: plus 28 Prozent gegenüber dem Vorjahreshalbjahr. Das ist eine Ansage. Wir reden hier nicht von kleinen Schwankungen, das ist strukturelles Wachstum. Der HSV ist wieder oben. Die Erneuerbaren auch. Passt.

Die Zahlen im Detail: 152,2 Milliarden Kilowattstunden aus erneuerbaren Quellen, davon 52,9 Mrd. kWh aus Windkraft an Land, 15,0 Mrd. kWh aus Offshore-Wind, 52,4 Mrd. kWh aus Photovoltaik. Wie lesen Sie diese Zahlen als Energiemakler?

Wind an Land und Photovoltaik liegen fast gleichauf, das ist bemerkenswert. Noch vor wenigen Jahren war Wind klar dominierend. Der PV-Zubau von 8,3 Gigawatt allein im ersten Halbjahr zeigt, dass Solarenergie inzwischen ein echter Mengenlieferant geworden ist. Für meine Kunden bedeutet das: Die Beschaffungsoptionen werden breiter, aber auch komplexer.

Preise und Beschaffung

Was bedeutet der hohe Erneuerbaren-Anteil konkret für die Strompreise, die Unternehmen zahlen?

Das ist die entscheidende Frage. Mehr Erneuerbare bedeutet tendenziell mehr Stunden mit niedrigen Spotmarktpreisen, manchmal sogar Negativpreise. Wer intelligent beschafft und nicht einfach auf einen Standardtarif setzt, kann das nutzen. Wer es nicht tut, zahlt trotzdem den vollen Preis. Die Zahlen von ZSW und BDEW sind Bundeszahlen. An der Strombörse zählt jede Stunde einzeln.

Viele Unternehmer denken: Mehr Ökostrom gleich günstigerer Strom. Ist das so einfach?

Nein. Der Börsenpreis und der Endkundenpreis sind zwei verschiedene Welten. Netzentgelte, Steuern, Abgaben, das alles macht im Schnitt über 50 Prozent der Rechnung aus und bleibt unabhängig vom Erzeugungsmix. Was sich verändert, ist der Energieanteil. Und da lohnt sich eine saubere Strategie, also wann kaufe ich, zu welchen Konditionen, mit welcher Laufzeit. Das ist mein tägliches Geschäft.

Windkraft im Norden

Niedersachsen ist eines der stärksten Windkraft-Bundesländer. Spüren Ihre Kunden in Ostfriesland und der Region das direkt?

Wir haben hier eine besondere Situation. Die Erzeugung vor der Haustür ist enorm, aber der Strom fließt durch die Leitungen in den gesamten deutschen Markt. Ein Unternehmer in Wiesmoor zahlt nicht automatisch weniger als einer in München. Das Netz macht den Unterschied, und das Netz ist bundesweit ein gemeinsamer Markt. Was unsere Region aber hat: eine hohe Versorgungssicherheit durch die Erzeugungsdichte und zunehmend auch Speicherprojekte.

Der Offshore-Zubau war im ersten Halbjahr 2026 mit 0,9 Gigawatt deutlich stärker als im gesamten Vorjahr mit 0,5 Gigawatt. Welche Rolle spielt das für die Küstenregion?

Eine große. Die Anlagen stehen vor unserer Küste, die Kabel kommen an Land, die Infrastruktur wächst hier. Das schafft Arbeitsplätze und Wertschöpfung in der Region. Und es bedeutet langfristig stabile Einspeisung, weil Offshore-Anlagen deutlich mehr Volllaststunden haben als Anlagen an Land.

Versorgungssicherheit und Risiken

Wasserkraft ging zurück, minus 7,7 Prozent wegen geringer Niederschläge. Wie anfällig bleibt das System trotz Rekordzahlen?

Das zeigt die Achillesferse. Erneuerbare sind wetterabhängig. Ein windschwaches Halbjahr, ein trockener Sommer, und die Zahlen sehen anders aus. Das Vorjahreshalbjahr war schwach bei Wind, das aktuelle stark. Wir brauchen Speicher und flexible Kraftwerke als Backup. Das ist keine Kritik an der Energiewende, das ist Physik.

Biomasse blieb mit plus 0,6 Prozent nahezu konstant. Ist Biomasse als Grundlasttechnologie unterschätzt?

Definitiv. Biomasse liefert planbar, unabhängig von Wetter und Tageszeit. Das ist wertvoll in einem System, das zunehmend von volatilen Quellen dominiert wird. Für die Landwirtschaft hier im Norden ist Biomasse auch ein wirtschaftlicher Faktor. Ich sehe das eher als unterschätzten Stabilitätsanker.

Handlungsbedarf in der Politik

BDEW-Chefin Kerstin Andreae fordert mehr Tempo beim EEG und beim WindSee-Gesetz. Beide Novellen sollen noch in diesem Jahr beschlossen werden, Gesetzentwürfe liegen aber noch nicht vor. Wie sehen Sie das?

Das ist das eigentliche Problem. Wir haben Rekordzahlen bei der Erzeugung, aber beim Rahmen hängt die Politik hinterher. Investitionen brauchen Planungssicherheit. Wenn Gesetze nicht kommen, verzögern sich Projekte, fließen Investitionen woanders hin. Die Unternehmen, die ich berate, fragen mich nicht nach dem nächsten Entwurf. Die fragen, was gilt morgen. Und da sollte die Antwort klar sein.

ZSW-Vorstand Prof. Staiß hat auf die Hitzewelle der vergangenen Tage hingewiesen und den Klimaschutz als dringliches Thema betont. Spielt das in Ihren Beratungsgesprächen eine Rolle?

Zunehmend ja. Vor drei Jahren fragte kaum ein Mittelständler nach dem CO2-Fußabdruck seines Stroms. Heute ist das in vielen Branchen ein Thema, weil Kunden und Lieferketten es fordern. Grünstromzertifikate, Herkunftsnachweise, eigene PV-Anlage plus Eigenverbrauch, das sind keine Nischenthemen mehr. Das ist Mainstream geworden.

Elektrifizierung und Zukunft

Auf der UN-Klimakonferenz wurde als Ziel ausgegeben, den Anteil strombasierter Industrieprozesse, Wärme und Mobilität bis 2035 von heute 20 auf 35 Prozent zu steigern. Ist das realistisch?

Es ist ambitioniert, aber nicht utopisch. Wärmepumpen, Elektrofahrzeuge, elektrische Prozesswärme in der Industrie, all das wächst. Die Frage ist, ob Netz und Erzeugung mithalten. Wenn wir gleichzeitig mehr Strom verbrauchen und mehr aus Erneuerbaren erzeugen, muss beides parallel skalieren. Das ist machbar, aber es braucht Tempo auf allen Ebenen.

Was empfehlen Sie Unternehmern in der Region heute konkret?

Erstens: Den Energieverbrauch kennen, wirklich kennen. Viele Betriebe wissen nicht genau, wann sie wie viel verbrauchen. Zweitens: Beschaffung nicht dem Zufall überlassen. Standardtarife sind selten optimal. Drittens: Eigenerzeugung prüfen. PV auf dem Betriebsdach rechnet sich in vielen Fällen heute ohne Förderung. Und viertens: Dranbleiben. Der Markt verändert sich schneller als je zuvor.