Gute kommunale Energiekonzepte scheitern in Kommunen selten an der Technik. Sie scheitern an der Schnittstelle zwischen politischem Gremium und Verwaltung, an Zuständigkeiten, an fehlender Expertise und an Gesetzen, die der technischen Machbarkeit hinterherhinken. Kaum jemand kennt beide Seiten dieser Schnittstelle so gut wie Ulrich Müller.
Ulrich Müller war sieben Jahre lang Bürgermeister und ist heute auf Verwaltungsseite für Gebäudewirtschaft und Energiekonzepte verantwortlich. Auf insgesamt 30 Jahre Berufserfahrung blickt er zurück, in denen er kommunale Energieprojekte sowohl aus der politischen Entscheidungsperspektive als auch aus der praktischen Umsetzung heraus begleitet hat. Sein Schwerpunkt liegt heute auf der Beratung von Kommunen zu Energiekonzepten, von der Wärmeplanung bis zur Ladeinfrastruktur.
Der Blick vom Ratstisch unterscheidet sich fundamental von dem des Beraters
Sitzt Müller als ehemaliger Bürgermeister am Ratstisch, geht es vor allem darum, unterschiedliche Auffassungen in einen tragfähigen Beschluss zu überführen. Die Meinungsvielfalt in Gremien sei enorm, weil „jeder ein bisschen etwas weiß“ und daraus das große Ganze ableite. Gute Ideen scheitern seiner Erfahrung nach oft schlicht daran, dass einer Mehrheit nicht passt, dass ein Vorschlag „von denen“ kommt.
Als externer Berater mit genau diesem Insiderwissen sieht er sich dagegen Gremien gegenüber, die zwar das Beste für ihre Kommune wollen, aber angesichts der Komplexität regelmäßig vor Entscheidungen zurückschrecken. Gremien wollten keine ausschweifenden, überkomplexen Darstellungen, eine Versuchung, der gerade Techniker immer wieder erliegen. Für die erfolgreiche Arbeit mit Gremien hat Müller einen festen Fragenkanon:
„Was bringt’s? Was kostet’s? Muss es wirklich sein? Wer diese drei Fragen griffig beantwortet, hat gegenüber dem Gremium einen klaren Vorteil.“
Kommunale Energiekonzepte: Wo die Technik der Politik davonläuft
Dass die technischen Lösungen der Gesetzgebung oft weit voraus sind, macht Müller an mehreren eigenen Projekten fest. Für eine Stadt hat sein Team ein ganzes Wohnquartier mit 240 Wohneinheiten auf 100 Prozent regenerative Energie umgestellt, indem das Projekt bewusst „geschlossen“ gehalten wurde und keine Berührung mit Netzbetreibern nötig war. Die Bewohner zahlen dort einen langfristig gesicherten Strompreis von 23 Cent pro Kilowattstunde. In einem anderen Fall wurde ein ganzes Dorf auf Autarkie umgestellt und die Nutzbarkeit von Ladesäulen deutlich verbessert.
„Es ist so, dass wir mit der bestehenden Technik bereits Komplettlösungen für Wohnquartiere, aber auch für Industrie und Gewerbe haben.“
Als weitere Beispiele nennt er bidirektionales Laden von Fahrzeugbatterien, bei dem der Gesetzgeber noch weit hinter den technischen Möglichkeiten zurückbleibe, sowie die Kombination aus Photovoltaik und Wasserstoff, die technisch bereits so ausgereift sei, dass auch Wohnquartiere ohne große Anlagen davon profitieren könnten. Ein entsprechendes Projekt hat er im Oktober 2024 im Bayerischen Wirtschaftsministerium vorgestellt und dort großen Zuspruch erhalten. Zusätzlich bemängelt er zu lange Bearbeitungszeiten bei Förderanträgen und Genehmigungen sowie eine aus seiner Sicht chaotische Kleinteiligkeit im Netzbereich.
Kommunale Wärmeplanung: Gefördert wird die Idee, allein gelassen wird die Umsetzung
Bei der kommunalen Wärmeplanung sieht Müller einen strukturellen Geburtsfehler. Die Erstellung der Konzepte werde hoch gefördert, in der Umsetzung blieben die Kommunen jedoch mit allen Konsequenzen allein. Sie müssten die notwendigen Satzungen erlassen und durchsetzen, teils gegen massiven Widerstand.
„Kommunen haben zudem zu wenig eigene Expertise, um Lösungen zu kreieren, die umgesetzt werden können.“
Viele Kommunen und ihre Stadtwerke seien nach seiner Beobachtung noch immer stark auf Erdgaslösungen fixiert und hätten die Möglichkeiten erneuerbarer, modular einsetzbarer Energiebausteine kaum im Blick. Kommunen, die bereits eigenständig umgesetzt hätten, seien heute Vorreiter, wobei die kommunale Wärmeplanung diese Vorreiterarbeit nach seiner Einschätzung teilweise sogar ausbremse. Eine kommunale Cloud-Lösung als weiteres Potenzial sieht er vom Gesetzgeber bislang gar nicht in Erwägung gezogen.
Wenn Wärmeplanung zur Einnahmequelle wird
Aus einer fundierten Expertise heraus lassen sich laut Müller modular aufgebaute Energieerzeugungsanlagen aus erneuerbaren Energien realisieren. Da fossile Energieträger durch CO2-Abgaben auf Basis des Klimaschutzgesetzes des Bundes zunehmend teurer werden, können Kommunen ein eigenes Energieversorgungsangebot entwickeln und an ihre Bewohnerinnen und Bewohner vermarkten.
„Der Verkauf von Strom und Wärme wird zur Einnahmequelle. Die massive Reduktion von CO2-Abgaben ist eine deutliche Einsparung.“
Die Kommune agiere dabei als eigener Player gegenüber den Immobilienbesitzern, entweder komplett in Eigenregie oder in Kooperation mit einem Partner. Warum diese Chance so selten genutzt wird, führt Müller im Kern auf die gleichen strukturellen Hürden zurück: fehlende Expertise, fehlende Zuständigkeiten und fehlende Geschäftsplanung.
Der Rat an Kommunen: Sich einen Partner holen, der Politik, Recht und Technik zusammen denkt
Kommunen, die sich in Bürokratie und Zuständigkeiten zu verlieren drohen, rät Müller zu einem erfahrenen Ansprechpartner, der Kommunen, Gesetzgeber und Technik gleichermaßen kennt und daraus einen tragfähigen Geschäftsplan entwickeln kann.
„Kommunen mit Geschäftsplan agieren deutlich besser. Das Gremium ist im Bilde, eine vereinbarte Zielrichtung herrscht, notwendige Anpassungen geschehen auf nachvollziehbarer Basis.“
Ist der gewählte Ansprechpartner nur in einem einzelnen Punkt firm, sei das Ergebnis absehbar und oft nicht im Interesse der Kommune, so Müller. Denn bei allem Klimaschutz gehe es für Kommunen am Ende immer auch um Geld: Stehen etwa Schulsanierung und Klimaschutzprojekt gegeneinander, sei die Entscheidung in der kommunalen Praxis meist eindeutig. Die Lösung müsse deshalb ihre eigene Finanzierung mitbringen.
Einordnung: Eine Forderung mit großer Hebelwirkung
Nach 30 Jahren zwischen Ratstisch und Umsetzung bringt Müller seine zentrale Forderung an die deutsche Energiepolitik auf einen einzigen Punkt: die Freigabe des sogenannten ortsnahen Verbrauchs, also der zentralen Erzeugung mit direkter Anbindung angrenzender Liegenschaften.
„Damit können auf einen Schlag mindestens 80 Prozent aller Versorgungsthemen gelöst werden.“
Ob sich diese Zahl in der politischen Praxis so einlösen lässt, muss offenbleiben. Bemerkenswert ist aber, dass ein Praktiker mit Erfahrung auf beiden Seiten des Ratstisches eine einzelne regulatorische Weichenstellung für wirksamer hält als viele der aktuell diskutierten Förderprogramme.
Hinweis der Redaktion: Dieser Beitrag ordnet die persönliche Einschätzung eines Praxisexperten ein und ersetzt keine rechtliche oder steuerliche Beratung zu Wärmeplanungsgesetz, Klimaschutzgesetz oder kommunalen Förderprogrammen. Für verbindliche Auskünfte sind die zuständigen Behörden oder eine fachkundige Beratung heranzuziehen.
FAQ zu kommunalen Energiekonzepten
Warum scheitern kommunale Energiekonzepte oft trotz vorhandener Technik? Nach Einschätzung von Ulrich Müller liegt es seltener an der Technik als an der Schnittstelle zwischen politischem Gremium und Verwaltung, an fehlender Expertise und an Gesetzen, die der technischen Machbarkeit hinterherhinken.
Was ist der größte Stolperstein bei der kommunalen Wärmeplanung? Die Konzepterstellung ist laut Müller hoch gefördert, bei der Umsetzung blieben Kommunen aber mit allen Konsequenzen allein, oft ohne ausreichende eigene Expertise.
Wie kann kommunale Wärmeplanung einer Kommune Geld einbringen? Über den Verkauf selbst erzeugten Stroms und selbst erzeugter Wärme an die Bewohnerinnen und Bewohner sowie durch die Vermeidung steigender CO2-Abgaben auf fossile Energieträger.
Was sollten Kommunen bei der Planung eines Energieprojekts als Erstes klären? Müller rät zu einem Ansprechpartner, der Kommunen, Gesetzgeber und Technik kennt und daraus einen Geschäftsplan entwickelt, statt sich in Zuständigkeiten zu verlieren.









