Die Scope-3-Emissionen Lieferkette rücken für mittelständische Unternehmen zunehmend in den Mittelpunkt des Nachhaltigkeitsmanagements. Während Scope-1-Emissionen (eigene Verbrennung) und Scope-2-Emissionen (Strombezug) in vielen Betrieben bereits erfasst werden, machen die indirekten Emissionen entlang der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette in der Regel 70 bis über 90 Prozent des gesamten CO2-Fußabdrucks aus. Dennoch fehlt in vielen Unternehmen eine strukturierte Grundlage, um diese Emissionen systematisch zu messen, zu berichten und gezielt zu reduzieren. Dieser Beitrag erläutert Schritt für Schritt, wie die Erfassung nach dem Treibhausgasprotokoll (GHG Protocol) gelingt, welche Kategorien besonders relevant sind und welche Minderungsstrategien in der Praxis funktionieren.
Was sind Scope-3-Emissionen und wie unterscheiden sie sich von Scope 1 und 2?
Das GHG Protocol Corporate Standard, entwickelt vom World Resources Institute (WRI) und dem World Business Council for Sustainable Development (WBCSD), teilt Treibhausgasemissionen in drei Bereiche ein. Scope 1 erfasst direkte Emissionen aus eigenen Quellen (Heizkessel, Firmenfahrzeuge, Prozessfeuerung). Scope 2 umfasst indirekte Emissionen aus dem Bezug von Strom, Wärme und Kälte. Scope 3 beinhaltet alle weiteren indirekten Emissionen, die entlang der gesamten Wertschöpfungskette entstehen.
Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen vorgelagerten (upstream) und nachgelagerten (downstream) Aktivitäten. Upstream betrifft den Einkauf von Rohstoffen, Vorprodukten und Dienstleistungen sowie Transportprozesse bis zum eigenen Betrieb. Downstream umfasst die Emissionen, die nach dem Verkauf eines Produkts entstehen, etwa durch Nutzung, Wartung und Entsorgung. Ein Maschinenbauunternehmen hat damit nicht nur die Emissionen aus der eigenen Produktion zu verantworten, sondern auch jene, die durch den langjährigen Betrieb der Maschinen beim Kunden entstehen.
Warum Scope-3-Emissionen für den Mittelstand konkret relevant werden
Regulatorischer Druck durch CSRD und CBAM
Die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) verpflichtet in der ersten Stufe ab dem Geschäftsjahr 2025 zunächst kapitalmarktorientierte Unternehmen ab 500 Mitarbeitern zur Nachhaltigkeitsberichterstattung nach den European Sustainability Reporting Standards (ESRS). Der ESRS E1 zu Klimawandel verlangt explizit die Angabe von Scope-3-Emissionen, sofern diese als wesentlich eingestuft wurden. Ab dem Geschäftsjahr 2026 fallen auch große Unternehmen (mehr als 250 Mitarbeiter oder mehr als 50 Mio. Euro Umsatz) unter die Berichtspflicht, was viele mittelständische Betriebe direkt betrifft.
Ergänzend schafft der Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) Anreize zur Transparenz in der Importlieferkette: Unternehmen, die emissionsintensive Güter einführen, müssen ab 2026 für den eingebetteten CO2-Gehalt zahlen. Indirekt wirkt sich das auf Lieferkettenentscheidungen aus, da importierte Vorprodukte mit hohem CO2-Anteil teurer werden.
Lieferantenanforderungen und Kreditkonditionen
Neben regulatorischen Anforderungen wächst der kommerzielle Druck: Große Abnehmer, insbesondere aus der Automobilindustrie, dem Maschinenbau und dem Handel, fordern von ihren Zulieferern zunehmend Daten zu Treibhausgasemissionen. Wer keine Scope-3-Daten liefern kann, läuft Gefahr, aus Lieferketten ausgeschlossen zu werden. Ebenso rückt das Thema in der Finanzierung in den Vordergrund: ESG-Ratings, die Kreditinstitute für die Kreditvergabe heranziehen, bewerten Klimarisiken in der Lieferkette als wesentliche Kennzahl.
Die 15 Kategorien der Scope-3-Emissionen im Überblick
| Kategorie | Bezeichnung | Typische Relevanz |
|---|---|---|
| 1 | Eingekaufte Güter und Dienstleistungen | Sehr hoch (oft 50 bis 80 % der Gesamtemissionen) |
| 2 | Kapitalgüter | Mittel bis hoch (Investitionsgüter, Maschinen) |
| 3 | Brennstoff- und energiebezogene Aktivitäten (nicht Scope 1/2) | Mittel |
| 4 | Vorgelagerter Transport und Distribution | Hoch (je nach Logistikanteil) |
| 5 | Im Betrieb anfallende Abfälle | Gering bis mittel |
| 6 | Geschäftsreisen | Mittel (Flüge dominieren) |
| 7 | Pendeln der Mitarbeiter | Mittel |
| 8 | Gepachtete Anlagen (upstream) | Relevant bei externen Lagern |
| 9 | Nachgelagerter Transport | Hoch (wenn Lieferkosten beim Verkäufer) |
| 10 | Verarbeitung verkaufter Zwischenprodukte | Relevant in der Materialwirtschaft |
| 11 | Nutzung verkaufter Produkte | Sehr hoch bei langlebigen Produkten |
| 12 | End-of-Life-Behandlung verkaufter Produkte | Mittel |
| 13 | Gepachtete Anlagen (downstream) | Eher gering für Mittelstand |
| 14 | Franchise-Emissionen | Nur bei Franchise-Modellen |
| 15 | Investitionen | Relevant bei Beteiligungen |
Für die meisten produzierenden Mittelständler sind die Kategorien 1, 4 und 11 besonders relevant. Ein Wesentlichkeitsscreening hilft dabei, die Erfassungstiefe auf jene Kategorien zu konzentrieren, die tatsächlich einen substanziellen Anteil der gesamten Scope-3-Emissionen ausmachen.
Schritt für Schritt: So erfassen Sie Ihre Scope-3-Emissionen
Schritt 1: Systemgrenzen und Wesentlichkeitsprüfung definieren
Zu Beginn steht die Festlegung der organisatorischen Systemgrenze. Werden alle Tochtergesellschaften einbezogen? Welche Betriebsstätten gelten als wesentlich? Auf dieser Basis erfolgt ein Screening aller 15 Kategorien: Qualitative Kriterien wie Umsatzanteil, Transportintensität oder Produktlebenszeit helfen dabei, priorisierende Kategorien zu identifizieren. Das GHG Protocol empfiehlt, alle Kategorien zu prüfen, irrelevante aber begründet auszuschließen.
Schritt 2: Datenbeschaffung
Je nach verfügbarer Datengrundlage kommen unterschiedliche Berechnungsmethoden zum Einsatz:
- Ausgabenbasierte Methode (Spend-Based): Einkaufsvolumen (Euro) multipliziert mit sektorspezifischen Emissionsfaktoren (z. B. aus der Exiobase-Datenbank). Schnell umsetzbar, aber mit höherer Unsicherheit behaftet.
- Aktivitätsbasierte Methode: Physikalische Mengen (Tonnen Stahl, Kilometer Transportweg) multipliziert mit Emissionsfaktoren. Präziser, erfordert aber spezifischere Daten.
- Lieferantenspezifische Methode: Primärdaten der Lieferanten (Product Carbon Footprints). Höchste Genauigkeit, aber auch höchster Aufwand in der Erhebung.
Ein pragmatischer Ansatz für den Einstieg: ausgabenbasierte Berechnung für alle Kategorien, ergänzt durch aktivitätsbasierte Daten für die ein bis drei wesentlichsten Kategorien.
Schritt 3: Berechnung nach dem GHG Protocol
Die Berechnung folgt dem Grundprinzip: Aktivitätsdaten multipliziert mit Emissionsfaktoren ergeben CO2-Äquivalente (CO2e). Emissionsfaktoren sind in anerkannten Datenbanken verfügbar: DEFRA (britische Umweltbehörde), ecoinvent, ProBas (Umweltbundesamt) oder die IPCC-Standardfaktoren. Alle sechs Kyoto-Gase (CO2, CH4, N2O, HFCs, PFCs, SF6) werden in CO2-Äquivalente umgerechnet und summiert.
Die Ergebnisse werden üblicherweise in Tonnen CO2e ausgedrückt, differenziert nach Kategorien und Basisjahr. Ein Basisjahr ist essenziell: Ohne einen definierten Ausgangspunkt lässt sich kein Fortschritt messen.
Minderungsstrategien für Scope-3-Emissionen
Die Erfassung ist die Grundlage, das eigentliche Ziel ist die Reduktion. Bewährte Ansätze für Kategorie 1 (eingekaufte Güter):
- Lieferantenauswahl nach CO2-Intensität: Auschreibungskriterien um produktspezifische CO2-Fußabdrücke ergänzen.
- Materialtransition: Umstieg auf emissionsärmere Alternativen (z. B. Recyclingmaterial statt Primärstahl).
- Lieferanten-Engagement: Programme zur Unterstützung von Lieferanten bei der eigenen Emissionsreduktion.
Für Kategorie 4 (vorgelagerter Transport) sind Maßnahmen wie Bündelung von Transporten, Modal Shift (von Straße zu Schiene oder Wasser) und kürzere Transportwege durch Nearshoring wirksam. Bei Kategorie 11 (Nutzung verkaufter Produkte) setzt Emissionsreduktion bereits in der Produktentwicklung an: Energieeffizientere Produkte mit geringerem Betriebsstromverbrauch senken die Scope-3-Bilanz downstream.
„Scope-3-Management ist kein Berichtsthema, sondern ein strategisches Beschaffungs- und Entwicklungsthema. Wer frühzeitig anfängt, verschafft sich Wettbewerbsvorteile gegenüber Lieferanten und Kunden.“ (Stellungnahme eines Nachhaltigkeitsverantwortlichen auf einem Mittelstandsforum zum Thema Lieferkettenemissionen)
Typische Stolperfallen bei der Scope-3-Erfassung
In der Praxis scheitern Scope-3-Projekte häufig an vorhersehbaren Problemen:
- Fehlende Datengrundlage: Einkaufsabteilungen tracken Güter nach Artikelnummer, nicht nach Materialkategorie oder Herkunftsland. Eine Reklassifizierung des Einkaufs in sektorspezifische Kategorien ist oft aufwendiger als erwartet.
- Lieferanten-Non-Compliance: Lieferanten stellen keine Emissionsdaten bereit, weil eigene Kompetenz fehlt oder Datenschutzbedenken bestehen. Klare vertragliche Anforderungen und Unterstützungsangebote (z. B. Bereitstellung eines standardisierten Erhebungsbogens) schaffen Abhilfe.
- Doppelzählung: Werden Strom aus dem eigenen Netz und gleichzeitig die Emissionen des Energieversorgers erfasst, entstehen Überschneidungen zwischen Scope 2 und Scope 3 Kategorie 3. Das GHG Protocol gibt hierfür klare Abgrenzungsregeln vor.
- Fehlende Basisjahranpassung: Wächst ein Unternehmen stark, steigen absolute Emissionen auch bei besserer Effizienz. Intensitätskennzahlen (CO2e je Umsatz-Euro oder je Produktionseinheit) ermöglichen vergleichbare Trendaussagen.
- Überbewertung von Kompensationszertifikaten: Offsetting ersetzt keine Reduktion in der Lieferkette und wird von Ratingagenturen sowie Berichtstandards (ESRS E1) als nachrangig behandelt.
Scope-3-Daten von Lieferanten erheben: Praktische Ansätze
Die Datenerhebung bei Lieferanten gilt als größte praktische Hürde in der Scope-3-Erfassung. Folgende Ansätze haben sich bewährt:
- Standardisierte Fragebögen: Auf Basis des CDP (Carbon Disclosure Project) Supply Chain Fragebogens oder eigener Templates werden A-Lieferanten (nach Ausgabenanteil, typisch: die 20 Prozent, die 80 Prozent des Einkaufsvolumens ausmachen) zur Bereitstellung von Treibhausgasdaten aufgefordert. Der Fragebogen sollte Emissionen je Produktkategorie oder Produktionsstandort abfragen.
- Lieferantenportale und Datenplattformen: Plattformen wie Ecovadis, Sedex oder spezialisierte Scope-3-Tools erlauben eine standardisierte Dateneingabe durch Lieferanten und automatisierte Plausibilitätsprüfungen. Sie reduzieren den Aufwand für bilateralen Datenaustausch erheblich.
- Übergangsfristen und Unterstützungsangebote: Großen Lieferanten, die selbst noch keine Treibhausgasbilanz erstellt haben, kann ein Zeitplan von ein bis zwei Jahren eingeräumt werden. Webinare oder Bereitstellung von Tools zur eigenen Emissionsberechnung stärken die Kooperationsbereitschaft.
- Vertragsklauseln: In neu abzuschließenden Lieferantenverträgen oder im Rahmen von Lieferantenkodizes (Codes of Conduct) können Auskunftspflichten zu Treibhausgasemissionen aufgenommen werden. Das schafft eine verbindliche Datengrundlage für künftige Berichtsjahre.
In der Startphase ist es sinnvoll, mit den zehn bis zwanzig mengenstärksten Lieferanten zu beginnen. Erfahrungen zeigen, dass diese Gruppe in produzierenden Unternehmen oft 60 bis 70 Prozent der gesamten Scope-3-Kategorie-1-Emissionen abdeckt. Für die restlichen Lieferanten reicht zunächst eine Ausgabenschätzung mit generischen Emissionsfaktoren.
Checkliste: Scope-3-Emissionen im Mittelstand strukturiert aufsetzen
- Systemgrenze und berichtspflichtige Einheiten definiert
- Wesentlichkeits-Screening aller 15 Kategorien durchgeführt
- Basisjahr festgelegt und historische Einkaufsdaten gesichert
- Berechnungsmethode je Kategorie ausgewählt (Spend-Based, Aktivitätsbasiert, Lieferantenspezifisch)
- Emissionsfaktoren aus anerkannter Datenbank bezogen (DEFRA, ecoinvent, ProBas)
- Erste Berechnung für Prioritätskategorien abgeschlossen
- Interne Verantwortlichkeit in Einkauf, Nachhaltigkeit und Controlling verankert
- Lieferanten-Kommunikationskonzept für Datenbeschaffung entwickelt
- Reduktionsziele (absolut oder intensitätsbasiert) mit Basisjahrbezug definiert
- Ergebnisse im Nachhaltigkeitsbericht oder nach ESRS E1 dokumentiert
FAQ
Was sind Scope-3-Emissionen konkret?
Scope-3-Emissionen sind alle indirekten Treibhausgasemissionen, die in der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette eines Unternehmens entstehen. Das GHG Protocol unterteilt sie in 15 Kategorien, von eingekauften Gütern und Dienstleistungen über Geschäftsreisen bis zur Nutzung und Entsorgung verkaufter Produkte.
Müssen mittelständische Unternehmen Scope-3-Emissionen ausweisen?
Nach der CSRD müssen ab 2026 auch Unternehmen ab 250 Mitarbeitern oder 50 Mio. Euro Umsatz berichten. Mittelständler sind häufig indirekt betroffen, weil Lieferantenanfragen großer Kunden oder Kreditinstitute entsprechende Nachweise einfordern.
Welche Scope-3-Kategorie ist für produzierende Unternehmen typisch am größten?
Für produzierende Unternehmen dominiert in der Regel Kategorie 1 (Eingekaufte Güter und Dienstleistungen) die Scope-3-Bilanz. In vielen Industrieunternehmen entfallen 60 bis 80 Prozent der gesamten Wertschöpfungskettenemissionen auf vorgelagerte Materialbeschaffung.
Wie lange dauert eine erste Scope-3-Berechnung?
Eine erste überschlägige Scope-3-Berechnung mit Ausgabedaten ist in vier bis acht Wochen möglich. Eine vollständige Primärdatenerhebung bei wichtigen Lieferanten benötigt typisch drei bis sechs Monate, abhängig von der Lieferkettenkomplexität.
Welche Software-Tools unterstützen die Scope-3-Berechnung?
Für den Mittelstand geeignete Tools sind unter anderem Sphera, Normative, Plan A sowie Excel-basierte Vorlagen des Umweltbundesamts. Wichtig ist die Wahl einer Lösung, die anerkannte Emissionsfaktordatenbanken einbindet.
Was ist der Unterschied zwischen absoluten und intensitätsbezogenen Reduktionszielen?
Absolute Ziele benennen eine konkrete Tonnenreduzierung bezogen auf das Basisjahr (z. B. minus 42 Prozent bis 2030). Intensitätsbezogene Ziele messen die Emission pro Umsatz-Euro oder Produkteinheit und eignen sich besser für stark wachsende Unternehmen, da sie Effizienzverbesserungen trotz Mengenwachstums sichtbar machen.
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