Der Forstexperte Ulrich Winter warnt vor dem stillen Kollaps unserer Wasserinfrastruktur – und zeigt, wie Unternehmen CO₂ vom Kostenfaktor zum Wettbewerbsvorteil machen.
90 Prozent der Fichtenwälder im Harz sind tot. In Sachsen-Anhalt liegt der Grundwasserspiegel stellenweise drei Meter unter dem langjährigen Mittel. Acht Landkreise verhängten gleichzeitig Wasserentnahmeverbote. Und Bayern plant gerade, 500 neue Windkraftanlagen im Staatswald zu errichten – ohne systematische Untersuchung der Auswirkungen auf den regionalen Wasserhaushalt. Ulrich Winter beobachtet diese Entwicklungen seit über vier Jahrzehnten – als Forstexperte, Stratege und Unternehmer. Im Gespräch mit Jörg Maire erklärt er, wie CO₂ zur Wertschöpfungsquelle wird, warum echte Waldverbesserung dringlicher ist als Compliance-Berichte – und was Mittelständler heute konkret tun können.
CO₂ vom Kostenfaktor zum Vermögenswert: Die Drei-Satz-Erklärung für den Mittelstand
Jörg Maire: Herr Winter, CO₂ als Wertschöpfungsquelle statt als Kostenfaktor – können Sie das einem mittelständischen Unternehmer in drei Sätzen erklären?
Ulrich Winter: CO₂ besitzt eine Herkunft, eine Bindungsdauer und einen wirtschaftlichen Bezug zur Wertschöpfung. Wenn biogener Kohlenstoff aus Wald, Holz, Nebenströmen und Reststoffen dauerhaft in Baustoffen, technischen Materialien, Bodenverbesserung, Speicherkomponenten oder zertifizierbaren Senken gebunden wird, entsteht daraus ein messbarer Vermögenswert. Ein Mittelständler, der CO₂ aktiv bilanziert, stofflich nutzt und in Produkte, Prozesse oder Geschäftsmodelle übersetzt, verwandelt eine regulatorische Belastung in Wettbewerbsfähigkeit, Finanzierungskraft und Zukunftsresilienz.
Milliarden in Compliance, nichts im Wald: Warum echte Wirkung anders aussieht
Jörg Maire: Sie kritisieren, dass Milliarden in Compliance-Systeme fließen statt in echte Waldverbesserung. Was müsste sich politisch ändern – und was können Unternehmen schon heute selbst tun?
Ulrich Winter: Politisch braucht es eine stärkere Ausrichtung auf reale Wirkung im Wald. Fördermittel, Regulierung und Berichtspflichten sollten so gestaltet werden, dass sie messbare Verbesserungen belohnen: Wasserhaltefähigkeit, Humusaufbau, Mischwaldentwicklung, Biodiversität, Waldbrandresilienz, Bodenschutz, regionale Verarbeitung und dauerhafte Kohlenstoffbindung.
Unternehmen können sofort handeln. Sie können langfristige Wald- und Rohstoffpartnerschaften aufbauen, Herkunft und Qualität transparent dokumentieren, Nebenströme höherwertig nutzen, regionale Lieferketten stärken, Holzbau und Kreislaufmaterialien bevorzugen, eigene CO₂- und Materialbilanzen entwickeln und Investitionen mit messbarer Waldwirkung verbinden.
Der entscheidende Punkt lautet: Berichte schaffen Orientierung. Wirkung entsteht durch Investition, Pflege, Bewirtschaftung, Technologie, regionale Verarbeitung und langfristige Verantwortung. Das ist ein grundlegender Unterschied – und genau hier liegt die unternehmerische Chance.
Warnsignal Sachsen-Anhalt: Was passiert, wenn Grundwasser und Wald gemeinsam kollabieren
Jörg Maire: Sie haben Waldgebiete in Sachsen-Anhalt über Jahrzehnte bereist und beobachtet, was dort passiert ist. Was sehen Sie, wenn Sie durch diese Regionen fahren?
Ulrich Winter: Was ich dort beobachtet habe, deckt sich mit den amtlichen Daten – und geht zugleich über sie hinaus. Ich bin bei sehr starkem Regen durch Regionen gefahren, wo viele Windräder stehen. Es ist kein Tropfen auf die Erde gekommen. Durch die Verwirbelung des Windes ist kein Regen in die Erde eingedrungen. Im Gegenteil – die Windräder haben einen Sandsturm in Bewegung gesetzt.
Sachsen-Anhalt ist Deutschlands trockenstes Bundesland und gleichzeitig eines der windenergiereichsten. Die vier führenden Windenergie-Landkreise sind identisch mit den vier am schwersten vom Grundwasserrückgang betroffenen Regionen. Im Landkreis Börde – 408 Anlagen – liegt der Grundwasserstand drei Meter unter dem langjährigen Mittel. Wasserentnahmeverbot seit 2022. Das sind keine Zufälle. Das sind Warnsignale.
90 Prozent der Fichtenwälder im Harz sind abgestorben – 11.600 Hektar. Der Waldzustandsbericht 2024 dokumentiert eine Katastrophe historischen Ausmaßes. Die mittlere Kronenverlichtung über alle Baumarten hat sich seit 2000 verdoppelt. Kiefer, Eiche, Buche – alle betroffen. Die Kausalkette ist klar: weniger Grundwasser bedeutet Dürrestress, Dürrestress bedeutet Anfälligkeit für Schädlinge, Schädlingsbefall bedeutet Waldsterben, Waldsterben bedeutet weniger natürliche Wasserrückhaltung – und damit noch weniger Grundwasser. Ein Teufelskreis, den Demokrit so beschrieben hätte: Wenn die Atome eines Systems systematisch entzogen werden, hört das Ganze auf zu existieren.
Bayern und die 1.000 Windräder im Wald: Die Frage, die niemand stellt
Jörg Maire: Bayern plant jetzt 1.000 neue Windkraftanlagen, 500 davon im Staatswald. Ist das aus Ihrer Sicht verantwortbar?
Ulrich Winter: Die Frage, die niemand stellt, lautet: Was geschieht mit dem Wasserhaushalt? Ein modernes Windrad-Fundament verdrängt 200 bis über 1.000 Kubikmeter Beton in den Boden, Pfähle reichen 10 bis 30 Meter tief. Zufahrtsstraßen verdichten den Waldboden. Kabelgräben durchschneiden natürliche Wasseradern. Jedes einzelne Fundament, jede einzelne Zufahrtsstraße, jeder einzelne Kabelgraben entzieht dem System ein Atom seiner Funktionsfähigkeit.
Bayern erhält zwar deutlich mehr Niederschlag als Sachsen-Anhalt – noch. Aber der Bayerische Wald, der Steigerwald, die Fränkische Alb sind bereits jetzt von zunehmender Trockenheit betroffen. Die Frage ist nicht, ob Bayern den gleichen Weg geht – sondern wie schnell.
Die Lösung liegt auf dem Meer, nicht im Wald. Eine einzige 15-MW-Offshore-Turbine ersetzt vier bis fünf Onshore-Anlagen. Jedes Megawatt, das aus der Nordsee kommt statt aus dem Bayerischen Wald, ist ein Megawatt, das Grundwasser schützt statt es zu gefährden. Das ist keine Position gegen Windenergie – es ist eine Position für den richtigen Standort.
Nachhaltig wirtschaften mit echter Wirkung: Was Mittelständler konkret tun können
Jörg Maire: Was bedeutet das konkret für Mittelständler, die nachhaltig wirtschaften wollen – und dabei nicht nur auf Compliance schauen, sondern echte Wirkung erzielen möchten?
Ulrich Winter: Echte Wirkung entsteht dort, wo Unternehmen aufhören, Nachhaltigkeit als Berichtspflicht zu behandeln, und anfangen, sie als Rohstoff- und Geschäftsstrategie zu verstehen. Das bedeutet konkret: regionale Holz- und Biomassepartnerschaften aufbauen, Nebenströme vollständig erfassen und höherwertig nutzen, Holzbau bevorzugen wo immer es technisch möglich ist, CO₂-Bilanzen nicht nur erstellen, sondern aktiv steuern.
Wer biogenen Kohlenstoff in seinen Produkten, Prozessen oder Gebäuden dauerhaft bindet, schafft einen messbaren Vermögenswert – für die eigene Bilanz, für Finanzierungsgespräche, für Nachhaltigkeitsberichte, die tatsächlich etwas aussagen. Das ist der Unterschied zwischen einem Unternehmen, das Klimaschutz verwaltet, und einem, das daraus Wettbewerbsfähigkeit baut.
Vision 2040: Der Mittelstand als Gestalter eines CO₂-negativen Europas
Jörg Maire: Was ist Ihre persönliche Vision – wie sieht ein CO₂-negatives Europa 2040 aus, und welche Rolle spielt dabei der Mittelstand?
Ulrich Winter: Meine Vision für 2040 ist ein Europa, das seine Rohstoff-, Energie- und Klimafrage wieder stärker aus eigener Kraft beantwortet. Städte bauen mit Holz und biobasierten Materialien. Industriebetriebe nutzen Nebenströme mehrfach. Regionen erzeugen Energie, Materialien und Kohlenstoffsenken aus eigenen Stoffkreisläufen.
Der Wald spielt dabei eine zentrale Rolle. Er ist Ursprung natürlicher Kohlenstoffbindung, Grundlage nachhaltiger Rohstoffversorgung, Schutzraum für Wasser und Biodiversität sowie Ausgangspunkt neuer industrieller Wertschöpfung. Entscheidend ist eine Bewirtschaftung, die ökologische Stabilität und industrielle Nutzung klug verbindet.
Der Mittelstand ist dabei kein Zuschauer – er ist der eigentliche Gestalter. Mittelständische Unternehmen sind nah an ihren Regionen, nah an ihren Rohstoffen, nah an ihren Lieferketten. Sie können schneller umsteuern als Konzerne. Sie können regionale Waldpartnerschaften eingehen, die für einen DAX-Konzern viel zu kleinteilig wären. Sie können Vorbild sein – für ihre Branche, ihre Region, ihre Mitarbeiter und ihre Kunden.
Für mich geht es dabei letztlich um Verantwortung gegenüber unseren Kindern, Enkeln und Urenkeln. Europa kann zeigen, dass Wohlstand, Industrie, Wald, Klima und soziale Stabilität gemeinsam funktionieren. Dann können wir mit gutem Gewissen sagen: Wir haben alles getan, um eine intakte und lebenswerte Welt zu hinterlassen.
Ulrich Winter ist Certified Business Administrator (IHK), Forstexperte mit über vier Jahrzehnten Praxis in der europäischen Holz- und Rohstoffwirtschaft und Gründer von Always a Step Ahead. Er berät Unternehmen und Investoren zu nachhaltiger Rohstoffstrategie, CO₂-Wertschöpfung und europäischem Waldmanagement. Kontakt: winter.u@gmx.de









